Dermatologie & Allergologie

Piercing

Im Hygiene Monitor Nr. 10/98 war ein Beitrag unter dem Titel "Bedeutet Piercing bei medizinischen Mitarbeitern ein krankenhaushygienisches Problem?" erschienen. Dabei wurde versucht, die im Titel gestellte Frage unter Beachtung infektionsrelevanter Faktoren zu beantworten. Bei den darauffolgenden Reaktionen entstand zeitweise der Eindruck, daß die Diskussion über Piercing vielfach von Emotionen überlagert, wenn nicht dominiert wurde und verschiedene, unbedingt zu trennende Aspekte des Themas vermengt werden. Zum Teil kam es soweit, daß die bei uns traditionellen Ohrstecker verdammt wurden. Es soll hier daher nochmals versucht werden, die Problematik sachlich zu analysieren und die Fakten auseinanderzuhalten. Bei der Bewertung einer möglichen Infektionsgefahr für Patienten durch gepiercte Personen sind folgende Aspekte zu unterscheiden: 1. Infektionsrisiko für den Gepiercten: Wie schon im oben erwähnten Artikel ausgeführt, kann es bei Piercing unter nicht streng aseptischen Kriterien zur Übertragung von HBV, HCV und HIV, aber auch von Erregern von Wundinfektionen, wie beispielsweise Staphylococcus aureus kommen. In der Literatur ist der Erwerb von HIV und HCV durch hygienisch mangelhafte Piercing-Prozeduren belegt, die als signifikanter Risikofaktor für den nicht krankenhausbedingten Erwerb von HCV beschrieben werden. Piercing sollte schon im Interesse der Gepiercten selbstverständlich immer unter hygienisch einwandfreien Bedingungen ablaufen, bei medizinisch Tätigen kommt aber eben die Verantwortung für Patienten dazu. 2. Übertragung von Infektionserregern durch den Gepiercten: Medizinisch Tätige, die mit S. aureus oder anderen Eitererregern besiedelt sind, können diese auf Patienten übertragen. Mängel in der Händehygiene und klinisch manifeste Infektionen (wegen massiver Erregerfreisetzung) begünstigen die Keimübertragung. Medizinisch Tätige, die mit HBV, HCV oder HIV infiziert sind, können zu Überträgern dieser Viren werden, insbesondere wenn sie invasive Prozeduren (z.B. Operationen, Punktionen) durchführen. Selbstverletzung (auch nur minimale Blutkontakte) und Hygienemängel sind die Voraussetzungen dazu. 3. Stichkanäle können in Abhängigkeit von der Lokalisation und vom Heilungsverlauf der Wunde mit Keimen unterschiedlichen Gefahrenpotentials besiedelt sein. Gut verheilte Stichkanäle bieten per se keine erhöhte Infektionsgefahr. Oftmaliges Manipulieren am Schmuckstück stört den Wundheilungsprozeß, kann einen bereits geheilten Stichkanal verletzen und verfrachtet Keime aus der Gegend des Stichkanales auf die Finger. Manipulationen am Schmuckstück sollen daher möglichst unterbleiben. Nach Berührung des Schmuckstückes oder seiner Umgebung müssen die Hände desinfiziert werden! 4. Schmuckstücke dürfen bei der medizinischen Arbeit weder Behinderungen noch Verletzungen verursachen (weder beim Patienten noch beim Gepiercten). Übersetzung in die medizinische Praxis: a) Blande, reizlose Piercings können toleriert werden, wenn nach jeder Berührung die Hände desinfiziert und folgende Regeln beachtet werden: OP-Bereich: Das Schmuckstück ist gut befestigt und wird bedeckt getragen (unter Haube oder Gesichtsmaske; bei Brauenpiercing Gesichtsmaske mit Augenschild, bei Piercing am Hals Bedeckung durch OP-Kleidung). Dies gilt für alle Berufsgruppen. Hochrisikobereiche wie KMT-Intensiv- oder Verbrennungsstation: analog wie OP-Bereich. Andere Bereiche (Ambulanzen, Untersuchungsräume, Normalstationen, Eingriffsräume und übrige Intensivstationen): wie OP-Bereich, aber im Regelfall ohne Abdeckung der Piercings. Eine Abdeckung des Piercings ist allerdings im Zusammenhang mit invasiven Prozeduren, mit offenen Wunden sowie in der Nähe von Patienten mit besonderer Abwehrschwäche zu erwägen und im Einzelfall zu entscheiden. b) Entzündete oder gar vereiterte Piercings sind ein Warnsignal für erhöhtes Infektionsrisiko und rechtfertigen/verlangen eine Einschränkung bestimmter Tätigkeiten (Beschäftigung im OP- oder in anderen Risikobereichen, Arbeit an offenen Wunden oder mit Immunsupprimierten, invasive Tätigkeiten). Diese Regel gilt ebenso für Hautinfektionen anderer Ursache. c) Mit medizinischer Tätigkeit grundsätzlich unvereinbar gilt Piercing an Händen und Unterarmen, weil dadurch der Effekt von händehygienischen Maßnahmen behindert wird, Verletzungsrisiko besteht und selbst bei entferntem Schmuckstück mit nicht optimalen mikrobiologisch-hygienischen Bedingungen am Patienten gearbeitet wird. Die hier gemachten Aussagen beleuchten nur die hygienischen Aspekte des Piercings, nicht jedoch andere (z.B. psychologische), die nicht in unsere Kompetenz fallen und somit hier nicht behandelt werden. Analog dazu sollten daher in derartigen Auseinandersetzungen Hygiene-Argumente nicht verwendet werden! Zusammengefaßt lauten die wichtigsten hygienischen Prämissen für "Piercing ohne Risiko für die Patienten" Hygienisch korrekte Piercing-Prozedur blander Piercing-Stichkanal ohne Infektionszeichen kein unnötiges Berühren des Piercing Korrekte Händehygiene in Risikosituationen wird Piercing-Schmuck abgedeckt. Wenn und solange diese Vorgaben nicht gewährleistet sind, ist eine auf die Infektionsgefahr für Patienten abgestimmte Einschränkung medizinischer Tätigkeit angezeigt.

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Letztes Update:10 Oktober, 2002 - 10:02